„Mein Name ist jetzt Warten”

von heidi rinke-jarosch
Der Flüchtling Suliman Albekov wünscht sich nur „wie ein Mensch behandelt zu werden und hier leben zu dürfen“.  FOTO: VN/STEURER
Der Flüchtling Suliman Albekov wünscht sich nur „wie ein Mensch behandelt zu werden und hier leben zu dürfen“. FOTO: VN/STEURER

Wegen menschenunwürdiger Behandlung in Vorarlberg wollte Flüchtling flüchten.

schwarzach. Er hat nichts. Keinen Aufenthaltsstatus, keine Grundversorgung, keine Versicherung, keine Rechte. Schließlich hat man ihm auch noch die Würde genommen. Nun habe er nichts mehr zu verlieren, sagt Suliman Albekov. In seiner Stimme liegt nicht mehr Verzweiflung – wie damals beim VN-Gespräch im März letzten Jahres – sondern Resignation.

Manchmal habe ich das Gefühl, laut schreien zu müssen.

Suliman
Albekov

Geflüchtet ist der 53-jährige Tschetschene im Jahr 2005, „nachdem ich mehrmals verhört und dabei brutal geschlagen wurde. Beim zweiten Mal haben sie mich fast tot-geprügelt und dann an einen Straßenrand geworfen. Wie Dreck.“ Serienrippenbrüche, Frakturen des Brustbeins und der Nase und Verletzungen an der Hand waren die Folge. Dr. Siroos Mirzaei, Primar am Wilhelminenspital in Wien, hat attestiert, dass „die Knochenbrüche durchaus im Rahmen einer schweren körperlichen Misshandlung vor einigen Jahren zustanden gekommen sein können“.
Verhört wurde Albekov in seinem Herkunftsland, weil gegen ihn wegen seiner Aktivitäten in einer Unabhängigkeitsbewegung ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wurde. Unter anderem wird er des Aufrufs zu Massenunruhen, der Verschwörung sowie des illegalen Waffenerwerbs beschuldigt.

Tschetschenien galt zum damaligen Zeitpunkt bis 2009 offiziell als Kriegsland. Darum hätte Suliman Albekov nach seiner Ankunft in Österreich das Recht auf Asyl im Rahmen der Genfer Konvention gehabt. Doch das wurde ihm nicht gewährt. Sein Asylantrag, den er 2005 gestellt hatte, wurde abgelehnt. Seitens der Asylbehörde glaubte man ihm nicht.

Es folgte ein Antrag auf humanitäres Bleiberecht. Dieser wurde in erster Instanz abgewiesen. Dabei erfüllt er alle Kriterien für diesen Aufenthaltstitel. Und dass im Fall einer Abschiebung nach Tschetschenien sein Leben in Gefahr ist, ist nachweisbar. Schriftlich bestätigt wurde das inzwischen zweimal von der in Moskau ansässigen, von der OSZE unterstützen Menschenrechtsorganisation Memorial. Das letzte Schreiben, in dem Memorial Albekov einmal mehr von einer Rückkehr dringend abrät, ist vom 28. Mai 2014. Zurzeit läuft das Verfahren zur Beschwerde wegen des abgewiesenen Antrags auf humanitäres Bleiberecht.

Neben den Schikanen seitens der Behörden ist der Flüchtling seit seiner Ankunft vor neun Jahren mit einer Reihe anderer Schwierigkeiten konfrontiert worden. Im November 2012 wurde seine Ehefrau nach Tschetschenien abgeschoben. Sie lebt seitdem mal hier mal dort. In ihren Wohnort ist sie aus Angst nie zurückgekehrt.
Im gleichen Jahr wurde Albekov von der Caritas Flüchtlingshilfe aus der Grundversorgung entlassen. Er kommt momentan zurzeit bei seinem Sohn unter, der mit der Rot-Weiß-Rot-Karte aufenthaltsberechtigt ist. Dessen Ehefrau und die zweijährige Tochter sind anerkannte Konventionsflüchtlinge.

Mit den Nerven am Ende

Diese unerträgliche Situation hat Albekov krank gemacht. Zunächst waren es „nur“ starke Kopfschmerzen. Jetzt leidet er an massiven Magenbeschwerden und er hat Probleme mit den Nieren. Aber keine Grundversorgung heißt auch keine Versicherung. „Will man denn, dass ich vor Hunger oder wegen Krankheit sterbe?“, fragt Albekov mit zitternder Stimme. „Manchmal habe ich das Gefühl, laut schreien zu müssen.“ Wie man hier mit ihm umgehe, sei so schlimm wie Krieg in Tschetschenien. „Der Unterschied ist: In Tschetschenien wird einem auf den Kopf geschlagen, hier auf die Seele.“

Mit den Nerven am Ende hat Suliman Albekov kürzlich beschlossen, aus Österreich zu fliehen. Er wollte nur noch irgendwohin, in ein anderes Land, in dem man ihm die Würde zurückgibt, die man ihm hier genommen hat. Doch Eva Fahlbusch vom Verein „Vindex –Flucht und Asyl“ erfuhr davon und konnte ihn von der Flucht abhalten. Und sie hat ihn unter ihre Fittiche genommen.

„Zu allererst brauchte er ärztliche Hilfe“, berichtet Fahlbusch. Die in Dornbirn praktizierende Ärztin (und SPÖ-Landtagsabgeordnete) Gabi Sprickler-Falschlunger hat sich des kranken Mannes angenommen und behandelt ihn – für sie selbstverständlich – kostenlos.

Trotz allem heißt es für Suliman Albekov noch immer: Warten. „Und so ist mein Name jetzt Warten.“

Umbrella March

» Aus Anlass des Internationalen Flüchtlingstags organisiert der Verein „Vindex – Flucht und Asyl“ heute, am 18. Juni, einen Umbrella March durch Bregenz.

» Start: 16 Uhr beim Bregenzer Hafen
» 17 Uhr: Kundgebung vor dem Landhaus und Übergabe einer Petition an Landtagspräsidentin Gabriele Nussbaumer

» Bitte Schirme selber mitbringen!

„Mein Name ist jetzt Warten”

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