Offener Brief der Tschetscheninnen und Tschetschenen Vorarlbergs

Sehr geehrter Herr Bundespräsident Van der Bellen,
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Kurz,
Sehr geehrter Herr Innenminister Kickl,
Sehr geehrte Regierungsverantwortliche,
Sehr geehrte Medien,

wir schreiben diesen Brief an Sie, weil wir mit großem Erschrecken miterleben mussten, dass am Dienstag, den 23. Januar insgesamt 31 Menschen aus der Russ. Föderation, darunter der Großteil Angehörige unseres Volkes, aus Österreich abgeschoben wurden. Wir schreiben diesen Brief aber auch, um zu der Sendung „Tschetschenen und Gewalt in Österreich – die große Diskussion“ auf Ö24.tv am 25. Januar Stellung zu beziehen.

Wir kennen natürlich nicht die Asylverfahren der betroffenen Personen. Wir wissen nur, so wie es vor allem nun von befreundeten ÖsterreicherInnen verbreitet wurde, dass die Familien und Einzelpersonen seit Jahren in Österreich waren, dass sie gut integriert waren, dass ihre Kinder fließend Deutsch gesprochen haben und zum Teil in Österreich geboren wurden und das Land, in das sie jetzt abgeschoben wurden, gar nicht kennen.

Wer sich auch nur ansatzweise mit der Politik des Landes aus dem wir geflohen sind beschäftigt, wer sich in seriösen Medien weltweit informiert -und das sollte man von Ihnen als politische Verantwortliche und Medienvertreter/-innen erwarten dürfen- weiß, welch geschundenes Volk wir sind, zu welchen Zwecken wir benutzt und missbraucht werden und welche Unwahrheiten über uns verbreitet werden!

Welche psychologischen und auch sonstige Folgen eine Abschiebung für uns -als bereits Geflüchtete- bedeutet, kann in seiner Gänze nur dann erfasst werden, wenn man sich ernsthaft mit der Situation in Tschetschenien auseinandersetzt. Welche Folgen dies für unsere Kinder hat, die inzwischen die deutsche Sprache besser als ihre Muttersprache beherrschen, die hier die meisten Jahre ihres kleinen Lebens verbracht haben, Freunde haben und verwurzelt sind, ist kinderpsychologisch betrachtet, ein neuerliches Trauma!

Viele Erwachsene werden trotz ihrer Ausbildungen und Erfahrungen, keine Möglichkeit haben diese in der Heimat einzusetzen, da man dort als ein Verräter des Vaterlandes gilt. Es sind individuelle Geschichten, die jeden hierhergeführt haben, und diese dann alle mit demselben Grund zurück zuschicken ist nicht menschlich und wird viele Leben zerstören.

Solange die Regierung in Tschetschenien nicht wechselt, können wir nicht zurück. Solange Kadyrow an der Macht ist, führt er Krieg gegen sein eigenes Volk. Wir wissen natürlich, dass Österreich gute Beziehungen und Verbindungen zu Russland pflegt. Erfüllt aber bitte nicht den Wunsch Russlands, uns zu opfern, uns zurück zu schicken.

Es mag sein, dass die jetzt abgeschobenen Menschen in ihren Einvernahmen nicht überzeugend genug ihre Asylgründe geschildert haben und sie daher den Genfer Flüchtlingsschutz nicht bekommen konnten.

Österreich hätte ihnen aber das geben können, wonach sie gesucht haben:

Ein Leben in (weitgehender) Sicherheit, einen Aufenthaltstitel aus humanitären Gründen.

Es wird immer wieder und wieder verbreitet, wir seien ein gefährliches Volk von Kämpfern mit einem besonders hohen Hang zu Gewalt und Kriminalität. Wir würden uns weder in die österreichische Gesellschaft eingliedern wollen, noch hätten wir ein besonderes Interesse daran arbeiten zu wollen. Wir werden beschrieben als ein Volk, das seine Frauen schlägt und unterdrückt und wir werden als religiöse Extremisten dargestellt.

Es stimmt, es gibt solche Menschen unter uns. Von rund 30.000 Tschetschenen und Tschetscheninnen, die in Österreich leben, sind laut der österreichischen Kriminalitätsstatistik 2015 insgesamt 3.008 Menschen aus der Russ. Föderation straffällig geworden. Wie hoch dabei die Anzahl dabei der TschetschenInnen ist, ist nicht ablesbar, da sie „in den Topf Russland“ geworfen werden.

Am 12. Januar 2018 schreibt der „kurier“ in einer Vorabveröffentlichung der Rohdaten der Kriminalstatistik Österreich für 2017:
„2017 wurden 20.100 Asylwerber als Verdächtige einer Straftat geführt. 2016 waren es noch 22.288. Damit ist die Zahl der tatverdächtigen Asylwerber um knapp zehn Prozent gesunken.
Die Gesamtzahl aller 2017 ermittelten Tatverdächtigen ist mit 270.279 nahezu gleichgeblieben (2016: 270.159). 105.741 Tatverdächtige waren keine Österreicher (39,1 Prozent, wie auch 2016).“ 

Auf „news.at“ ist am 25.02.2017 zu lesen:

„Schätzungen des Innenministeriums legen nahe, dass sich etwa 30.000 Tschetschenen in Österreich aufhalten. In keinem anderen westeuropäischen Land leben mehr als hier. Exakte Zahlen kann auch die Statistik Austria nicht liefern. Tschetschenen werden nämlich als Staatsbürger der Russischen Föderation geführt, dazu zählen neben Russen auch andere kaukasische Bevölkerungsgruppen. Ein Gewaltproblem ist aus der Kriminalstatistik nicht abzulesen. Es kann auch hier nur vermutet werden. Im Jahr 2015 waren von knapp 93.000 ausländischen Tatverdächtigen 3.008 Angehörige der Russischen Föderation. „Ich kenne keine Studie, wonach Tschetschenen feindlicher wären als andere Völker, und ich bin erstaunt, wie schlecht ihr Ruf hier ist. Diese pauschale Hetze habe ich woanders nie erlebt“, sagt Maynat Kurbanova.
Die 42-jährige Journalistin gilt seit ihrer Berichterstattung während der TschetschenienKriege als verfolgt und lebt im Wiener Exil: „Es ist nicht angenehm, Tschetschenin in Österreich zu sein.“

Wir sind also nicht krimineller, nicht gefährlicher, sondern bilden in der Statistik das Schlusslicht. Durch falsche Darstellung in den Medien und vor allem durch Regierungsmitglieder werden diese Zahlen aber aus dem Kontext gerissen und in der Öffentlichkeit so dargestellt, als seien wir eben mit Abstand „die Gefährlichsten“. Allein der reißerische Titel der Ö24Sendung „Tschetschenen und Gewalt in Österreich – die große Diskussion“ setzt schon mit den Eingangsworten „Gewalteskalation“ in den Köpfen der Bürger fest, dass man vor uns Angst haben muss.

Eingereiht in Profis, die vermutlich seit Jahrzehnten gewohnt sind, in der Öffentlichkeit nicht nur zu sprechen, sondern auch „das Recht Österreichs“ für sich in Anspruch nehmen, setzt man ein Kind von uns, dass sich weder an sein Geburtsland erinnern kann, noch die Repressalien, die uns bei einer Abschiebung erwarten, nachvollziehen kann. Vor allem kann ein einzelner Jugendlicher wie Adam Edelmurzaev nicht als Repräsentant der Tschetscheninnen und Tschetschenen Österreichs sprechen: Dazu ist er zu jung, zu unerfahren.

Wir fordern Sie als Innenminister Österreichs auf, die abgeschobenen Familien wieder zurück zu holen und dafür Sorge zu tragen, dass weder den Familien noch ihren in Tschetschenien wohnenden Angehörigen etwas zustößt und die österreichische Öffentlichkeit darüber zu informieren, wie es den Familien geht.

Wir fordern Sie ebenso als Innenminister auf, dass Asylverfahren fair und gerecht ablaufen, dass Tschetscheninnen und Tschetschenen weiterhin unter Österreichs Schutz leben dürfen, und dass Sie ihnen humanitären Schutz bieten.

Die österr. Politik hat sich uns gegenüber verändert, unsere Probleme, die wir „in unserem Rucksack“ mit uns tragen, wurden die ganzen Jahre zu wenig berücksichtigt: Man hat uns zwar Asyl gegeben, aber man hat uns zu wenig geholfen, mit den Narben des Krieges fertig zu werden, wir haben noch immer tiefe Wunden, die wir verarbeiten müssen.

Gerade Kinder und Jugendliche und ihre Probleme brauchen noch mehr Unterstützung, als sie bisher bekommen haben. Damit wir wirklich gute Mitglieder der österreichischen Gesellschaft werden können, brauchen wir mehr adäquate Hilfe und nicht noch wieder neue Ängste!

Wir fordern Sie auf, uns nach der den Artikeln 2 (Recht auf Leben), 3 (Verbot der Folter), 5 (Recht auf Freiheit und Sicherheit), 6 (Recht auf ein faires Verfahren), 8 (Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens), 9 (Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit) und 14 (Diskriminierungsverbot) der Menschenrechtserklärung zu achten und zu schützen.

Wir fordern die Medien auf, eine bessere, gerechtere und vor allem ehrliche Berichterstattung über unser Volk zu tätigen. Wir bitten darum, aufzuklären, was uns immer noch angetan wird. Wir bitten darum, auch über die positiven Integrationsbeispiele zu berichten. Wir bitten darum, dass Zahlen nicht exponiert herausgehoben werden, um falsche Meinungsbildung dadurch zu fördern und Angst vor uns zu schüren.

Wir bitten die Regierungsvertreter, uns zum Dialog einzuladen und uns bei unserem Bemühen, die Traumen des Krieges, die Beeinträchtigungen unserer verletzten Seelen, unsere Narben, zu heilen, zu unterstützen. Wir bitten darum, auch finanzielle Mittel bereit zu stellen, damit wir therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen können, wenn wir dies brauchen. Wir bitten die Regierung, mehr Aufklärung über unser Land, über die Gründe des Krieges, über die derzeitig dort herrschende Regierung und über uns als in Österreich lebende Bevölkerungsgruppe zu machen.

Wir bitten die österreichische Bevölkerung, uns als das zu nehmen, was wir sind: Menschen mit seelischen Narben aber auch mit dem Willen, uns mit diesen Narben in die Gesellschaft zu integrieren, uns konstruktiv und aktiv einzubringen, unseren Kindern eine gute Bildung und eine Zukunft in Frieden und Sicherheit zu ermöglichen, sie zu unterstützen.

Wir danken Österreich, dass es uns bisher Schutz geboten hat und wir bitten Österreich uns und unseren Kindern weiterhin die Hand zu reichen und uns bei unserem Bemühen, uns hier zu integrieren zu unterstützen.

Bregenz, den 04. Februar2018

Im Namen der Tschetscheninnen und Tschetschenen in Vorarlberg
verfasst durch:

„Tschetschenischer Kulturverein Bodensee“

ZVR-Zahl: 071514576

 

 

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